Braucht Astrologie eine Ethik?

Braucht Astrologie eine Ethik?, 13.12.2010

Die Antwort auf die Frage der Überschrift lautet: Nein.
Damit ist eigentlich alles gesagt – doch Sie als Leserin oder Leser verlangen sicherlich etwas mehr Inhalt, als solche eine komprimierte Form der Einwortantwort. Es ziemt sich, diese zu erläutern.

Zwei Richtungen lassen sich beschreiben: die eine besagt, dass es keine Ethik gibt, die andere, dass es eine Nicht-Ethik nicht geben kann.


1. Es gibt keine Ethik

Astrologisches Tun wird abgekoppelt von ethischem Tun. Urteile und Moral stehen außen vor und werden nicht als Bestandteil der "reinen Astrologie" gesehen. Vier Variablen werden dafür mal mehr, mal weniger vermischt als Argumentation herangezogen.


Die Ablehnung der Ethik im Namen der Vernunft

Astrologie ist demnach ein Handwerkszeug. Exakte Berechnungen führen zu exakten Ergebnissen. Wer logisch denkt, weiß, was zu tun ist. Die Radix mit Zirkel und Metermass analysiert führt zu eindeutigen Schlussfolgerungen und Ratschlägen. Astrologie in diesem Sinn ist wertneutral. Die faktischen Wahrheiten, die sich aus dieser Analyse ergeben, sind anzuerkennen und anzunehmen. Eine typische Aussage von Vertretern dieser Richtung lautet: "Die Wahrheit ist nicht immer angenehm. Wenn es so im Horoskop steht, muss ich es sagen. Wenn beispielsweise die Prognose auf eine Scheidung hinweist, muss ich dem Klienten mitteilen, dass er sich scheiden lassen wird (selbst dann, wenn er gar nicht gefragt hat)."


Die Ablehnung der Ethik im Namen der Freiheit

Diese Auffassung steht diametral zu der ersten Variante. Hier wird der Mensch als "frei" angesehen; er ist auch frei von seinen Horoskopanlagen. Er kann diese umdeuten. Er ist geradezu "zur Freiheit verurteilt" (Sartre). Die Radix kann nicht mehr treffsicher gedeutet, sondern nur als Möglichkeitswolke beschrieben werden. Wie der Horoskopeigner diese Chancen und Risiken umsetzt, liegt in seinem eigenen Verantwortungsbereich. Als Astrologen sind wir außen vor und es steht niemandem außer dem Horoskopeigner selbst das Recht zu, ethische Kriterien an das Handeln anzulegen.


Die Ablehnung der Ethik im Namen des Karmas

Karmische Bedingtheit führt zu ganz bestimmten Handlungszwängen. Vorgeburtliches Verhalten und Erlebnisse aus vergangenen Leben führen unter Berücksichtigung einer Ursache-Wirkungs-Verkettung zu Ausgleichshandlungen. Der Täter wird zum Opfer, das Opfer zum Täter. Über mehrere Leben wird dadurch eine Balance der Extreme hergestellt. In diesem Sinne zeigt die Radix welche Notwendigkeiten bestehen, Fehlverhalten der Vergangenheit auszugleichen. Solch einen Ausgleich kann man nicht ethisch bewerten, da er ja durch die "alten Geschichten" erzwungen und bedingt ist.


Die Ablehnung der Ethik im Namen des Individuums

Diese Denkgrundlage ähnelt der zweiten Variante, besitzt bei genauerem Hinsehen jedoch feine Unterschiede, da sie auch Momente der dritten Variante beinhaltet (wenngleich ohne das Karma-Konzept). Jeder Mensch wird als einzigartig angesehen. Somit gelten für jeden Menschen andere Regeln und Gesetze. Einen Saturniker können wir nicht an den Maßstäben der Uraniker messen. Für den Menschen mit Waage-Aszendent ist die Feigheit womöglich angemessen; für den Typ mit Widder-Aszendenten hingegen die mutig aggressives Auftreten. Objektive ethische Kriterien sind nicht möglich.



2. Es gibt keine Nicht-Ethik

Können wir uns überhaupt außerhalb ethischer Regeln bewegen? Können wir handeln, ohne dies moralisch zu bewerten? Bereits der Gruß des Nachbarn im Treppenhaus (oder das Ausbleiben dieses Grußes) wird in einen Normkontext gestellt. Braucht die Astrologie also doch eine Ethik?

Die Astrologie braucht nichts. Sie gehört sich selbst. Der Mensch ist es, der ethische Leitlinien braucht, weil er offensichtlich aus der Liebe herausgefallen ist. Wer in der Liebe  ist, ist in der Ethik zugleich. Jedenfalls dann, wenn wir Ethik hier als Angewandte Ethik verstehen, die aus einer Moralphilosophie heraus zu Entscheidungen und Handlungen (dazu zählen, wie bereits von Thomas von Aquin erwähnt, auch die Unterlassungen) befähigt.

Eine Ethik in der Astrologie ist somit stets ein ethisches Handeln zwischen Menschen, bei denen mindestens einer astrologisches Know-how besitzt. Wir sprechen von einer Beratungsethik – völlig unabhängig davon, ob es sich um ein klassisches Beratungssetting handelt, oder ob man mal eben nebenbei auf einer Fete den Aszendenten seines Gegenübers analysiert.

Sobald wir Astrologie einsetzen, bewegen wir uns in einem ethischen Äther, der sich jedoch je nach Generation, Zeitgeschehen, Kulturhintergrund etc. verändert. Jede Form der astrologischen Aussage, der Radixdeutung oder der Beratung mit Hilfe des Horoskops führt zur Reaktionen, von denen sich der Astrologe / die Astrologin nicht freisprechen kann.

Auch hier gibt es vier unterschiedliche Varianten.


Die Bejahung der Ethik im Namen der Weisheit

Der Astrologe wird als Wissender gesehen. Er ist ein Eingeweihter, wenngleich auch diese Begrifflichkeit heutzutage nicht mehr en vogue im Munde geführt wird. Er ist befähigt, in die Tiefen der menschlichen Seele zu schauen, weshalb seine Worte richtungsweisend sind. Seine ethische Verantwortung liegt darin, dem Horoskopeigner die Wahrheit zu sagen über sich selbst und ihm Ratschläge und Handlungsanweisungen zu geben, die er aufgrund seiner erhöhten Position erkennt. Die Astrologie ist "heilig" im Sinne von "absolut wahr".


Die Bejahung der Ethik im Namen des Humanismus

Der Astrologe geht von in jedem Menschen innewohnenden Selbstheilungskräften aus. In Anlehnung an Ideen der humanistischen Psychologie dient die Radix-Analyse als Werkzeug, beim Klienten eigene Kräfte freizusetzen. Die Aufgabe des Astrologen ist somit vielmehr die eines Spiegels und eines Initiators. Durch seine Intervention findet der Horoskopeigner selbst zu Lösungen. Das Individuum wird geheiligt.


Die Bejahung der Ethik im Namen der Religion

Glauben (unabhängig davon, ob es sich um konventionelle Glaubensrichtungen oder alternative Glaubenskonzepte handelt) bildet die Grundlage der Radixdeutung. Der Astrologe ist mehr oder minder Sprachrohr einer übergeordneten Instanz, die spirituelle Werte in der kosmischen Signatur verschlüsselt. Ähnlich wie bei der ersten Variante, die jedoch auf spirituelle Konzepte verzichten kann, ähnelt der Astrologe einem Priester, der als Sprachrohr einer übergeordneten Instanz (dem höheren Bewusstsein, Gott, etc.) Botschaften übermittelt. Ethische Korrektheit ergibt sich hier aus der spirituellen Verbindung zu jener Wesenheit.


Die Bejahung der Ethik im Namen der Abgrenzung

Hier gibt es eine Ähnlichkeit zur zweiten Variante. Das Selbstbestimmungsrecht, aber vielmehr noch die Unüberschaubarkeit der Entscheidungsvariablen wird betont. Einbezogen wird zudem die Einbettung des Individuums in ein komplexes System aus Familienangehörigen, Partnern, Mitmenschen, zum Teil auch Haustieren und anderen Wesenheiten. Das Geburtsbild entspricht demnach nur einem Zahnrad einer komplexen Weltmaschine, wobei das Zahnrad für sich alleine nur eine begrenzte, aber doch spürbare Einflussmöglichkeit hat. Der Astrologe, in Unkenntnis der anderen "Zahnräder", muss sich in seiner Analyse als begrenzt erfahren und sieht seine ethische Aufgabe darin, die eigene Begrenztheit im Beratungsprozess aufrecht zu erhalten. Die Radix wird als Subsystem innerhalb eines Metasystems angesehen.



Schlussfolgerung

Beim Lesen dieser zwei mal vier Variablen werden Sie sich vermutlich an mehreren Stellen wiedererkannt haben. Das ist möglich, da ethische Kriterien nicht statisch sind. Sie verändern sich ständig. Zudem unterscheidet diese Aufzählung zwischen der "Ethik der Astrologie" und der "Ethik der astrologischen Beratung" – eine wichtige Unterscheidung. In diesem Sinne braucht Ethik, wie in der Überschrift gefragt, keine ethischen Kriterien; angewandte Astrologie kann jedoch nicht darauf verzichten. Da diese Unterscheidung zugleich künstlich ist (Astrologie ohne Menschen, die Astrologie anwenden gibt es nicht), werden wir uns stets an den Kriterien der Angewandten Ethik orientieren. Die lässt sich zum Glück nicht unterwerfen unter Allgemeingültigkeitfloskeln. Auch wenn wir wenig darüber sagen können, welches "der moralisch richtige Weg" ist, so können wir sicherlich festhalten: Dogmatismus ist auf jeden Fall die falsche Richtung.



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