Das Leben als Bühne
Das Leben als Bühne; 3.3.2010
Seit frühen Jugendtagen faszinierte mich das Theater. Schon als Grundschüler saß ich mit offenem Mund am Bühnenrand und betrachtete das Geschehen auf den Brettern, die die Welt bedeuten. Später dann verbrachte ich mehr Abende auf den oberen Rängen des Staatstheaters als auf dem Disko-Parkett. Der Wunsch, in diesem Metier auch beruflich Fuß zu fassen, war bald gefasst. Dem Elternauftrag folgend sollte ich jedoch studieren. Um beiden Ansprüchen gerecht zu werden, wählte ich das Studium der Theaterwissenschaft; nicht ahnend, dass diese Entscheidung mich von der Bühnenpraxis wegführen würde. Denn Theaterwissenschaft hat mit kreativem Gestalten so viel zu tun wie ein Kochbuchverkaufen mit einer Gourmetküche: es bleibt alles pure Theorie. Die zweite Ernüchterung: Neben dem Studium engagierte ich mich an diversen Theaterprojekten und musste feststellen, dass ich mich schwer tat, mich in der Welt der schwarzgekleideten Exzentriker zurecht zu finden. Premierenpartys mied ich und frug mich ein Kollege nach meiner Meinung, teilte ich sie ihm mit statt ihm nach dem Mund zu reden. In der Szene war das nicht üblich.
Pünktlich als Saturn Anfang März 1992 in mein fünftes Haus eintrat wurde mir schließlich bewusst, dass ich mich entweder den Rahmenbedingungen anpassen muss oder einen Schlussstrich ziehen. Die Wassermann-Energie, die an der Spitze meines fünften Radixhauses herrscht, war mit Anpassen gar nicht einverstanden. Noch ein letztes Regie-Projekt nahm ich in Angriff – und dann meinen Hut. So schmerzlich hatte ich Saturn selten erfahren. Doch diesmal zeigte er mir die rote Karte: mit freudiger Bühnenmitarbeit war es aus und vorbei.
Fünf Jahre später transitierte Jupiter durch Haus fünf. Den "Theater-Schock" noch in Erinnerung wollte ich nun ein Trostpflaster und meine kreative Gestaltungslust richtig ausleben. In einem Programmheft der Volkshochschule las ich die Ankündigung des Kurses "Malen auf großen Formaten"; und ich wusste: dieses Seminar hatte Transit-Jupiter durch mein fünftes Radixhaus für mich alleine ins Leben gerufen! Nie zuvor hatte ich einen Pinsel geschwungen. Doch jetzt nahm ich an einem expressiven Malworkshop teil, bei dem gleich armdicke Pinsel zum Einsatz kamen. Auf riesigen Packpapierrollen brachten wir unsere Empfindungen weithin sichtbar zum Ausdruck. Ich verausgabte mich dabei, lachte, schwitzte, hyperventilierte. Es war fantastisch. Erst später entdeckte ich, dass ich wahre Bühnentransparente entworfen hatte; und damit tatsächlich hinter den Schlussstrich unter die Theaterkarriere noch einen bunten Klecks fabrizierte. Selbst bei den traurigen Bildern blinzeln jupiterhaft explosive, freudige Farben um die Ecke.
Zwei Jahre verstaubten die Bilder im Keller, bevor ich sie "wieder entdeckte" und ganze Wände meiner Wohnung damit tapezierte. Just als Transit-Jupiter auf meiner Sonne, Transit-Saturn in Haus 8 und Transit-Uranus in Haus 5 wanderte. Jetzt erst hatte ich mich tatsächlich von den alten Vorstellungen befreit und erkannt, dass ich dass Theaterdunkel nicht brauche. Seither weiß ich, eine neue Welt lässt sich künstlerisch überall verwirklichen: "All the world's a stage!"*
* Die ganze Welt ist eine Bühne. (Shakespeare)
Holger A. L. Faß
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