Die Kunst der astrologischen Beratung

Die Kunst der astrologischen Beratung, 05.11.2007


Die astrologische Beratung ist eine Kunst, darüber sind wir uns sicher alle einig. Aber ist sie nur eine astrologische Kunst? Man könnte es meinen, wenn man sieht, wie AstrologInnen ausgebildet werden. Die Kunst des Beratens jedoch ist mindestens genau so wichtig für unseren Berufsstand und von den astrologischen Kenntnissen weitgehend unabhängig.

Sich mit dieser Kunst näher auseinander zu setzen, lohnt sich sehr. Dabei gibt es viele Modelle der Kommunikation oder Methoden der Beratungstechnik, die sich als hilfreich erweisen können. Es gibt verschiedene interessante Ansätze, von denen ich Ihnen heute einen für uns AstrologInnen sehr nützlichen vorstellen möchte. Nicht jeder ist beraterisch gesehen ein "Naturtalent", dem es in den Schoß fällt, zu jeder Zeit die richtigen Worte und den passenden Umgang mit dem Klienten oder der Klientin zu finden. Und es gibt viele Fallen, in die wir als BeraterInnen tappen können.

Manchmal zum Beispiel kommt unsere Botschaft bei unserem Gegenüber nicht an. Wir haben zwar astrologisch unser Bestes gegeben, merken jedoch: Irgend etwas stimmt hier nicht. An eine solche Situation aus meiner eigenen Erfahrung kann ich mich noch gut erinnern. Als die Klientin zu mir kam, spürte ich ihre innere Anspannung. Sie saß recht "zugeknöpft" in ihrem Sessel und schaute mich ein wenig misstrauisch von unten an. Ich versuchte daher, die Stimmung zu lockern, indem ich ein wenig zu ihrem Horoskop erzählte, sie aber direkt auch selbst befragte. Meine Bemühungen wurden jedoch nicht honoriert. Sie versagte mir jegliche Zustimmung: "Ja? Nein, damit kann ich nichts anfangen." und reagierte auf meine Fragen an sie sehr fordernd: "Wieso fragen Sie mich das? Das müssen Sie mir doch sagen können!" Mir wurde ganz heiß und ich dachte: "Wenn jetzt nicht gleich ein Wunder geschieht, muss ich etwas tun."

Hätte ich mich nicht näher mit Kommunikation befasst, hätte ich nicht gewusst, was hier eigentlich passiert. Doch so war mir schnell klar, welches Muster sich hier abspielte. Die Frau reagierte in der Kategorie Virginia Satirs als ein Blamer, jemand, der sich aus Unsicherheit anklagend und fordernd verhält und die Fehler im Gegenüber sucht. Mein in der Kindheit gelerntes Reaktionsmuster auf ein solches Verhalten ist das passende Gegenstück: beschwichtigen. Nett sein, versuchen zu erläutern, sich klein und ungefährlich machen. Doch mit solchen kindlichen Reaktionsweisen kommen wir in der Beratung nicht weiter. Sie werden jetzt sicherlich denken: "Natürlich nicht, klar, da muss man sich so und so verhalten". Wenn man nicht selbst in der Situation drin steckt, sieht es so einfach und klar aus. Doch steckt man drin, verfällt man so leicht, so unendlich leicht in gewohnte Muster.

Ich lehnte mich erst einmal zurück und atmete tief durch. Jetzt war kongruentes und einfühlsames Verhalten von mir gefordert. Ich wusste, ich muss der Klientin klar machen, was in mir vorgeht, ohne sie anzugreifen, versteht sich. Innerlich war ich bereit, die Situation völlig loszulassen, die Klientin notfalls auch nach Hause zu schicken, ohne Geld für die angefangene Beratung zu fordern. Gerade wollte ich den Mund aufmachen, als die Tür zum Beratungszimmer aufging und meine Katze hereinkam. Von einer Sekunde auf die andere veränderte sich das Verhalten der Klientin völlig. Sie entspannte sich. Sie streichelte die Katze und fing an, mir von sich zu erzählen. Unsere Beratung verlief von diesem Punkt an wunderbar und sowohl die Klientin als auch ich gingen anschließend befriedigt in den Tag.

Was war geschehen?
Meine Katze hatte mir meinen Job erleichtert, indem sie statt meiner die Klientin mit Wertschätzung versah, was es der Klientin erlaubte, von ihrem fordernden Verhalten abzulassen. Ab diesem Augenblick war es ihr möglich, der Beratung eine Chance zu geben und sich einzulassen. Dadurch konnte ich leichter ihre verletzlichen und ängstlichen Seiten wahrnehmen und ihr Wertschätzung entgegenbringen. Unser Kontakt war hergestellt.

Beratungsmoment
Virginia Satir stellt in ihrem Buch "Selbstwert und Kommunikation" vier Kommunikationsmuster vor, die jede Astrologin und jeder Astrologe kennen sollte. In diese Reaktionsweisen rutschen wir ihrer Ansicht nach hinein, wenn wir angespannt sind und unser Selbstwertgefühl erschüttert ist, wenn wir das Gefühl haben, uns könne Ablehnung drohen und wir dürften nicht über die Situation kommunizieren, also nicht sagen, was wirklich mit uns los ist. Es sind universelle Muster, die jeder von Ihnen kennen wird:
  • Beschwichtigen und Beruhigen, damit unser Gegenüber nicht (noch) ärgerlich(er) wird.
  • Anklagen und Beschuldigen, damit unser Gegenüber uns als stark ansieht und uns nicht bedrohen kann.
  • Rationalisieren, um die Situation zu versachlichen und emotional nicht bedroht zu werden.
  • Ablenken, um die Bedrohung zu ignorieren.
Botschaften, die verbal und nonverbal von Menschen, die entsprechend dieser Muster reagieren, ausgesandt werden, sehen in etwa so aus:
  • Beschwichtiger: "Ich bin so wertlos und du so toll. Du musst mir helfen!"
  • Beschuldiger: "Ich bin toll, aber du.... Streng dich mal ein bisschen an!"
  • Rationalisierer: "Ich weiß, wie es richtig geht und bin emotional nicht betroffen."
  • Ablenker: "Man darf das alles nicht so ernst nehmen. Komm mir bloß nicht zu nahe!"
Wer in astrologischen Beratungen auf diese Reaktionsweisen nicht vorbereitet ist, tappt leicht in folgende Fallen:
  • Beim Beschwichtiger: Unser Helfer- und Heilersyndrom wird angekickt. Wir lassen uns aussaugen und überschlagen uns förmlich, um dem armen Menschen vor uns zu helfen. Indirekt stärken wir damit unser Selbstwertgefühl ("Ich bin kompetent") und schwächen das des Klienten weiter ("Ich bin ja so hilflos").
  • Beim Beschuldiger: Wir fühlen uns angegriffen und reagieren wütend oder abweisend. Wenn er so toll ist, soll er doch sehen, wie er klar kommt! Alternativ: Wir geben uns doppelte Mühe und überanstrengen uns völlig, um es den Forderungen unseres Gegenüber auch ja Recht zu machen und um unsere Kompetenz zu beweisen. Am Ende fühlen wir uns völlig erschlagen.
  • Beim Rationalisierer: Anstatt an des Pudels Kern vorzudringen, wird aus der astrologischen Beratung eine Diskussion mit guten Argumenten auf dieser und jener Seite. Berührt haben Sie im Klienten am Ende gar nichts.
  • Beim Ablenker: Wir lassen uns verwirren und selbst ablenken. Am Ende erzählt vielleicht vor allem der Klient, aber nicht zum Thema, sondern immer leicht daneben. Auf Ihre Fragen reagiert er nicht und Sie selbst haben die Führung schon lange abgegeben. Beide Beteiligten gehen bestenfalls amüsiert auseinander. Geklärt hat sich nichts.
Bei all den genannten Möglichkeiten bleibt am Ende der Beratung ein schales Gefühl zurück. Selbst wenn Sie es geschafft haben, Ihr astrologisches Wissen mehr oder weniger zu vermitteln, von wirklicher Beratung kann keine Rede sein. Das ist nicht nur für den Klienten schade, sondern auch für Sie als Berater.

Diese Muster zu kennen, in uns selbst und in anderen, kann uns schon helfen, den Kurs bewusst zu ändern. Und wenn die Situation erkannt ist, ist auch die Gefahr schon fast gebannt. Wir müssen dann nur daran denken, nicht aus Gewohnheit, sondern bewusst zu reagieren. Und das kann man trainieren.

Sabine Bends




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