Heilersucht
Heilersucht, 04.07.2007
Eine potenzielle Kundin ruft an. Sie ist an einer astrologischen Beratung interessiert. Wir unterhalten uns, worum es ihr dabei genau geht. Im Gespräch stellt sich heraus, dass sie eine exakte Handlungsanleitung und eine genaue Prognose wünscht. Sie fragt auch nach magischen Ritualen und nach meiner Treffer- und Erfolgsquote. Außerdem wird deutlich, dass sie mit der gleichen Frage innerhalb der letzten zehn Tage schon bei mindestens vier anderen "Beratern" angerufen hat: Astrologinnen, Kartenlegern, Pendlern und Hellseherinnen. Im Gespräch wird mir klar: diese Frau wird keine Kundin von mir werden, da ich die Zusammenarbeit mit ihr ablehne. Ich biete ihr stattdessen an, über ihr Verlangen nach extrinsischen Ratschlägen zu sprechen sowie über die Konsequenzen, die dies für Ihren Alltag hat. Nach meinem Dafürhalten ist sie eine Heilersüchtige.
Heilersucht ist eine vergleichsweise moderne Suchtform. Süchte können stoffgebunden sein (wie zum Beispiel die Sucht nach Alkohol, Schokolade, Nikotin oder Heroin) oder stoffungebunden (wie z.B. Sucht nach Beziehung oder Arbeit [Workaholic]). Heilersucht besteht dann, wenn ein Mensch seinen gesamten Alltag nach konkreten Empfehlungen von "Heilern" ausrichtet. Damit sind unseriöse Astrologen, Kartenleger, Hellseher, Hexen, Magier und andere vermeintlich spirituelle "Meister" gemeint. Sie drängen die Kundinnen zu weiteren Anrufen / Beratungen, verkaufen nebenher Amulette, Liebeskerzen, magische Öle und andere Produkte und stören sich nicht im geringsten daran, wenn ihre Kundinnen mehrmals wöchentlich auf der Matte stehen und um Ratschläge bitten.
Ein regelmäßiges Aufsuchen einer Beratung ist alleine für sich genommen sicherlich noch kein Kriterium für Heilersucht. Das Gefühl zu haben, den Ratschlag des Heilers unbedingt zu brauchen, auch gegen den eigenen Willen oder gegen den eigenen Verstand, ist jedoch ein wichtiges Merkmal.
Anbieter, die (bewusst oder unbewusst) gezielt solche abhängige Verhaltensweisen fördern sind in meinen Augen nichts anderes als skupellose Dealer.
Wie jede andere Methode ist Astrologie erst einmal wertneutral. Man kann sie zu guten wie zu bösen Zwecken einsetzen. Eine astrologische Beratung (durchaus auch eine prozessbegleitende, das heißt eine, die mehrere Termine beinhaltet), ist dazu gedacht, wie andere Beratungsformen und Lebenshilfen auch, Unterstützung zu leisten. Ziel jeder Unterstützung ist, dass der beratene Mensch seine Anliegen alleine meistert. Eine astrologische Beratung kann eine Orientierung sein, helfen, die Dinge aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten, aus dem Gedankenkarusell auszusteigen und Zusammenhänge zu verstehen, die bis dato unklar waren. In diesem Sinne ist das Ziel einer seriösen astrologischen Beratung, den Kunden zu mehr Freiheit zu verhelfen. Der Spielraum eigener Handlungsmöglichkeiten wird größer.
Ganz im Gegensatz zu unseriösen Anbietern. Diese verkleinern den Spielraum und engen den Menschen ein. Es werden beispielsweise konkrete Handlungsanweisungen gegeben ("um deinen Ex-Partner wieder zu gewinnen gehe um 13:34 drei mal im südlichsten Raum deiner Wohnung im Kreis im Uhrzeigersinn und spreche dabei folgende Worte..."). Klappen die Tricks nicht (und ich garantiere: sie klappen nicht!), sind weitere Gespräche nötig. Der Kundin wird dabei die Schuld in die Schuhe geschoben: "du musst geduldiger sein, du musst noch dieses oder jenes Karma abbauen, am besten mit Hilfe einer karmischen Reinigung die ich für 400 Euro anbiete..."
Solche sittenwidrigen und betrügerischen Anbieter beschmutzen den gesamten Berufsstand. Das ist bedauerlich. Denn der Großteil der in Deutschland tätigen Astrologinnen und Astrologen haben ein hohes Verantwortungsgefühl und leisten tagtäglich eine gute Arbeit. Dazu gehören zum Beispiel die "geprüften Astrologen DAV", die vor dem Deutschen Astrologenverband eine umfassende Prüfung abgelegt haben und an ein berufsethisches Gelöbnis gebunden sind. Darin heißt es u.a. Versuche, die Ratsuchenden zu einem bestimmten Verhalten zu drängen oder sie gar durch beängstigende konkrete Ereignisprognosen unter Druck zu setzen, werde ich unterlassen. Ich werde mich darum bemühen, meine Aussagen immer so zu formulieren, daß sie den Ratsuchenden Entwicklungs- und Handlungsmöglichkeiten eröffnen und ihre Fähigkeiten stärken, eigenverantwortlich existentielle Entscheidungen zu treffen. Verstößt ein Kollege / eine Kollegin gegen das Gelöbnis, wird er / sie vom Deutschen Astrologenverband angemaht. Bei Wiederholung droht der Ausschluß mit Entzug des Titels.
Als Astrologe bin ich mir, vergleichbar mit Therapeuten, meiner Verantwortung in der Zusammenarbeit mit Klienten und Klientinnen bewußt. Dazu gehört, auch die eigene Arbeit regelmäßig supervidieren zu lassen und an Fortbildungen teilzunehmen. Der faire Umgang mit den Kunden und Kundinnen liegt mir am Herzen. Daher erlaube ich es mir auch immer wieder, Beratungsanfragen abzulehnen. Wer eine konkrete Ereignisprognose von mir wünscht ("Wann kommt ein Partner?") oder eine exakte Handlungsansweisung erwartet ("Soll ich meinen Job kündigen?"), dem werde ich nicht helfen können. Diese Art der "Beratung" (eigentlich müsste man "Bevormundung" sagen) halte ich für unseriös.
Mit der oben zitierten Frau habe ich schließlich (kostenfrei) über ihr Verlangen nach Ratgebern gesprochen. Wer ähnliche Verhaltensweisen an sich beobachtet, wer Prophezeihungen sammelt und am Monatsende eine extrem hohe Telefonrechnung, verursacht durch "Beratungshotlines" serviert bekommt, kann sich vertrauensvoll an die Beratungsstelle
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