Interview zu Astro-Hotlines

Interview zu Astro-Hotlines, 19.07.2008


Das Schwerpunktthema der neuen Ausgabe der Fachzeitschrift Meridian lautet "Krise der Gegenwartsastrologie". Astrologie wird einerseits immer populärer, andererseits verflacht sie auch zunehmen. Machmal skurril anmutende Astro-Shows im Fernsehen tragen nicht gerade dazu bei, dass die seriöse Seite der Astrologie in den Vordergrund gerückt wird. Ich selbst habe zwar nie für einen Fernsehsender, wohl aber in der Vergangenheit für zwei Astro-Hotlines gearbeitet. Markus Jehle, der Herausgeber des Meridian, wollte dabei von mir wissen, welche Erfahrungen ich dabei gemacht hatte.

Lesen Sie hier das komplette Interview:

Markus Jehle (MJ): Seit wann arbeiten Sie bei einer Hotline bzw. wie lange haben Sie insgesamt bei einer Hotline gearbeitet?

Holger A. L. Faß (HF): Ich habe auf zwei verschiedenen Hotlines gearbeitet; bei der einen Hotline war ich 4 Jahre, bei der anderen 7 Jahre. Inzwischen bin ich für keine Astrologie-Hotline mehr tätig.

MJ: Was waren Ihre Hauptmotive, sich für eine solche Tätigkeit zu entscheiden?

HF: Geld verdienen.

MJ: Wie sah Ihre Arbeit bei der Hotline konkret aus?

HF: Anrufe entgegen nehmen, astrologische Telefonberatung.

MJ: Wie viele Stunden standen Sie der Hotline täglich, wöchentlich bzw. monatlich zur Verfügung?

HF: Bei der einen Hotline waren es vier feste Stunden pro Woche. Bei der anderen konnte ich die Arbeitszeiten selbst festlegen, was dazu führte, dass ich in manchen Monaten nicht eine einzige Stunde auf der Hotline war, in anderen Zeiten 10 Stunden pro Woche.

MJ: Bedeutete der Zeitaufwand für Sie eine große Belastung?

HF: Nein.

MJ: Wie viele Gespräche führten Sie im Durchschnitt pro Monat?

HF: Der Durchschnitt wäre, so er ermittelbar wäre, nicht aussagekräftig, solange wir die Standardabweichung davon nicht berücksichtigen. Weder bei der einen noch bei der anderen Line ließ sich voraussagen, wie groß wohl die Nachfrage werden würde. Die Anzahl der über Hotlines geführten Beratungsgespräche pendelte daher zwischen 0 und (geschätzt) 60 pro Monat.

MJ: Wie lange dauerte ein Gespräch im Idealfall?

HF: Auch diese Frage lässt sich leider kaum beantworten, solange der "Idealfall" nicht definiert ist. Ich verstehe den Begriff "Idealfall" so, dass das Gespräch für den Anrufer die ideale Länge hat. Doch das ist von Anrufer zu Anrufer ja höchst unterschiedlich. Ich hatte ultrakurze Gespräche (weniger als 5 Minuten), die die ideale Länge aus Sicht der Anrufer hatten und solche, die über eine Stunde dauerten, die ebenfalls ideal waren aus Sicht der Anrufer.

MJ: Wie viel Geld verdienten Sie damit pro Monat?

HF: Bei der einen Line erhielt ich pro Gesprächsminute 50 Cent; MWSt. konnte ich auf diesen Betrag noch draufschlagen. Bei der anderen Line konnte ich den Verdienst selbst festlegen, startete mit einer geringen Summe (kann mich nicht mehr erinnern, so ca. 25 Cent pro Minute) und endete schließlich bei über einem Euro pro Gesprächsminute. Wie viel nun am Monatsende rumkam lässt sich verallgemeinernd nicht sagen, da meine Einloggzeiten und auch die Anrufe permanent sehr stark variierten.

MJ: Was kostete ein Anruf bei der Hotline, für die Sie tätig waren, pro Minute? Empfinden Sie den Preis als fair?

HF: Die Preise lagen bei 1,79 Euro bis über 2 Euro pro Gesprächsminute. Wenn ich meinem Steuerberater 700,- Euro geben soll, nur dafür, dass er Daten, die ich ihm fein säuberlich vorbereitet habe, abschreibt und in eine Tabelle einträgt, dann finde ich das eine übertriebene Forderung. Wenn ich für ein Hemd 50 Euro bezahlen soll, finde ich das vor allem gegenüber den 10 bis 12jährigen Kids in Burkina Faso unfair, die davon nicht mal ein Zehntausendstel kriegen. Zahle ich für ein Hemd, das unter sozialen und ökologisch fairen Bedingungen hergestellt wurde, 75 Euro, ist das für mich okay.

Der Preis für eine astrologische Telefonberatung kann nur in Relation gesehen werden zu dem, was der Anrufer als Leistung erhält. Ist die Leistung erstklassig, sind auch 2 Euro pro Minute gerechtfertigt. Die Stundensätze anderer Beratungsbranchen sind weitaus höher (Wirtschafts- und Unternehmensberater, Notare, Anwälte etc.).
Ich wehre mich gegen das Bild, astrologische Telefonberatungen seien "so teuer". Dahinter steht nicht selten die Überzeugung, sie seien das Geld nicht wert. Natürlich kann es im Einzelfall passieren, dass eine Beratung "nichts wert ist", weil sie eben für den Klienten nicht hilfreich war. Das kann bei persönlichen Beratungen genau so passieren wie bei solchen am Telefon. Die Astrologieszene krankt daran, dass sie sich selbst kaum Professionalität zugesteht oder zutraut – und sich daher oft unter Preis verramschen lässt. Wer astrologisches Fachwissen und beraterische Kompetenzen hat, darf durchaus 120,- Euro für seine Dienstleistung pro Stunde verlangen. Unfair an der Preisgestaltung ist bestenfalls, dass von diesen 120,- Euro nur ca. 40,- Euro beim Astrologen ankommen. Den Rest schlucken die Telefongesellschaften und Vermittlungsdienste.

MJ: Was an Ihrer Tätigkeit erlebten Sie als besonders sinnvoll und erfüllend?

HF: Als besonders sinnfüllend erlebte ich, Menschen beraterisch helfen zu können, die sonst keine Ansprechpartner hatten. Der Anteil von Menschen mit geringer Bildung, Menschen, die gesellschaftlich und sozial ausgegrenzt werden und sich dafür schämen, Menschen, denen der Zugang zu Ressourcen verwehrt wird etc. waren während meiner Zeit auf den Hotlines stärker vertreten als in meinen Beratungen in meinen Praxisräumlichkeiten. Der Hilfebedarf war zum Teil sehr groß. Auch derart, dass ich ihn nun nicht hätte abdecken können. Da ich jedoch aufgrund meines Vorberufs (Sozialpädagoge und Geschäftsführer sozialer Beratungseinrichtungen) die Hilfelandschaft in der Bundesrepublik Deutschland verhältnismäßig gut kenne, konnte ich auch dort weiterhelfen, wo die Astrologie an ihre Grenzen kam. Die Kombination aus astrologischer Lebenshilfe und sozialarbeiterischer Praxishilfe erscheint mir gerade für Hotlines sehr wertvoll.

MJ: Was taten Sie, wenn Sie merkten, dass Ihre Hilfsbereitschaft an Grenzen stößt?

HF: Was heißt das genau: die Hilfsbereitschaft stößt an Grenzen? Natürlich gab es Gespräche, bei denen ich den Eindruck hatte, der Mensch am anderen Ende der Leitung arbeitet nicht an seinen Entwicklungspotenzialen. Das kam, wie in persönlichen Live-Beratungen, vor. Aber es ist nicht mein Auftrag, andere dazu zu zwingen. Womöglich ist es auch für jemanden besser, sich nicht zu verändern. Woher will ich das wissen? Das muss ich schon meinem Gegenüber überlassen.

Dann gab es natürlich auch Fälle, die waren bei mir "einfach falsch"; zum Beispiel weil es um eine Suchtproblematik ging oder um eine medizinische Angelegenheit. Die habe ich an entsprechende Stellen verwiesen. Nicht ohne zuvor abzuklären, ob es ein Hemmnis gibt, Hilfe bei diesen Stellen aufzusuchen. Falls ja, war mein Bestreben, dies zu thematisieren.

Oder meinen Sie Fälle, in denen keine kongruente Kommunikation hergestellt werden konnte? Solche Gespräche habe ich freundlich und kurz zu einem schnellen Ende gebracht.
Stets galt und gilt: der Einzelfall entscheidet!

MJ: Inwieweit selektierten Sie? Gab es beispielsweise Themen, über die Sie mit Klienten nicht sprechen? Bei welchen Anliegen hatten Sie ein schlechtes Gefühl bzw. was lehnten Sie aus ethischen Gründen ab? Wie gingen Sie ganz praktisch mit solchen Situationen um?

HF: Selbstverständlich selektierte ich. Im Unterschied zu persönlichen Beratungen war dies durchaus weitaus häufiger der Fall und auch wichtiger. Denn der Anrufer, der mich über eine Hotline erreichte, hat nur in seltenen Fällen eine bewusste Auswahl in Bezug auf den Berater getroffen (Ausnahme: Wiederholungsanrufer, die früher schon mal eine für sie hilfreiche Telefonberatung bei mir in Anspruch genommen hatten). Das heißt die Anzahl der Anrufer, die mit Vorstellungen oder Anliegen bei mir landeten, die sich nicht in Übereinstimmung bringen ließen mit dem, was ich leisten konnte und wollte, lag bestimmt bei (gefühlten) 10 - 15%. Hier galt es nun, in sehr kurzer Zeit (damit der Kunde nicht für die "Nicht-Beratung" viel bezahlen muss), Anliegen und Auftrag zu sondieren und gegen zu prüfen. Nicht angenommen habe ich beispielsweise folgende Anliegen und Aufträge:
  • Anfragen über andere (Dritte)
  • Terminbestimmung
  • stundenastrologische Fragen
  • analytische oder beraterisch-therapeutische Gespräche mit offensichtlich alkoholisierten Personen
  • medizinische Fragen zu Krankheiten / Krankheitsverläufen
  • Wünsche in Bezug auf andere Astrologie-Richtungen (chinesische Astrologie etc.)
  • Hellseher-Anfragen
  • meist auch Gespräche, die mittels Handy aus einer sehr lärmintensiven Umgebung geführt wurden oder an Orten, die als nicht "gesprächsoffen" gelten müssen (z.B. in der Straßenbahn)
  • Witzanrufe (z.B. Kinderstimme: "Wann kriegt meine Freundin ihren ersten Orgasmus?", dabei mehrere kichernde Kinderstimmen im Hintergrund.)
MJ: Wie konkret wurden Sie in Ihren Gesprächen? Gaben Sie Ihren Klienten direkte Ratschläge, was Sie tun bzw. lassen sollten? Gaben Sie konkrete Tipps bei Entscheidungsfragen?

HF: Bei den Telefonberatungen auf den Astro-Hotlines wurde ich nicht mehr oder weniger konkret als bei allen anderen
tl_files/bilder_inhalte/pfeil.gif Beratungsformen, die ich sonst praktiziere: persönliche Sitzung, Beratung per Chat, per Mail, per Video-Telefonie. Nach meinem Astrologie-Verständnis ergeben sich aus einem Horoskop keine konkreten Ratschläge, Tipps und dergleichen; die Symbole der Astrologie sehe ich als sinn- und strukturgebende Elemente. Sie sind abstrakt; die Konkretisierung vorzunehmen ist Aufgabe jedes einzelnen Menschen für sich selbst. Astrologie hilft, die Bedeutung für das Erlebte zu finden.

Das schließt nicht aus, dass ich, auch basierend auf meiner Ausbildung als systemischer Berater, "Aufgaben" empfehle. Doch das ist etwas anderes als Ratschläge oder Tipps. Aufgaben enthalten niemals die Lösung eines Problems, sondern ermöglichen dem Klienten, mit seiner Fragestellung neu und anders umzugehen - analog zu seinen aktuellen astrologischen Tendenzen oder Radixanlagen. Ziel ist, dass er dabei selbst auf Lösungen kommt.

MJ: Bekamen Sie von Ihren Klienten gelegentlich Feedback, inwieweit Ihre Prognosen zutreffend waren?

HF: Ich habe zwar keine Ereignisprognosen gegeben und daher kann ich auf diese Frage nicht antworten – will aber das Stichwort "Feedback" nutzen. Denn ich habe durchaus Feedback erhalten. Zum Beispiel gab es indirektes Feedback; nämlich dann, wenn ich erfuhr, dass ich als Hotline-Berater von einem Klienten weiter empfohlen wurde. Dann natürlich auch, wenn Leute sich erneut gemeldet hatten. Eine weitere Feedback-Variante sind die Bewertungen. Schließlich gab es auch Kommentare per Mail oder auf meiner Homepage; das selten, nicht zuletzt weil ich bei beiden Hotlines diese nicht aktiv bewerben durfte; das heißt nur die Klienten, die sich selbst aktiv auf die Internetsuche nach mir begeben haben, konnten mich dort finden.

MJ: Es gibt Berichte, wonach Klienten eine regelrechte Beratungsabhängigkeit entwickeln und wegen jeder Kleinigkeit ihren Hotline-Berater kontaktieren. Sind Ihnen selbst solche Fälle begegnet und wenn ja, wie sind Sie mit dem Problem umgegangen?

HF: Ja, ich bin solchen Fällen begegne – nicht nur auf Hotlines, sondern kenne sie auch aus meiner sonstigen Beratungstätigkeit; dort gelingt es den Betroffenen aber meist besser, sich mit ihrer Sucht zu verstecken – man muss also mehr Hintergrundwissen haben, um dort die entsprechenden Fälle herauszufinden. Bei den Hotlines ist die Zahl der Beratungsabhängigen jedoch sicherlich größer als bei anderen Beratungsformen, die höhere Schwellen aufweisen.

Immer dann, wenn ich den Verdacht hatte, dass Beratungsabhängigkeit vorliegen könnte, habe ich das von mir aus angesprochen. Schon allein deswegen, weil es meine Aufmerksamkeit auf den Beratungsprozess irritierte (und ich gemäß der alten TZI-Regel dieser Störung den Vorrang geben wollte ;-)). Schon früh hatte ich in Berater- und Therapeutenkreisen (z.B. im Rahmen meiner Fortbildung Systemische Beratung und Therapie, wo außer mir sonst nur Psychologen, Sozialarbeiter etc. waren), das Gespräch auf diese Form der Abhängigkeit gebracht, ohne jedoch wirklich hilfreiche Ideen zur Verfahrensweise zu erhalten. Erst nachdem ich Kontakt mit der Beratungsstelle Tal19 in München bekam, änderte sich dies. Dort war man mit dem Phänomen der
tl_files/bilder_inhalte/pfeil.gif "Heilersucht" (so die dort übliche Bezeichnung) vertraut. Wie bei allen anderen Suchtproblematiken auch stelle ich nicht an mich die Erwartung, meine Gesprächspartnerin davon heilen zu können. Das Thematisieren und auch auf eine kompetente und kostenfreie Ansprechstelle verweisen zu können, scheint mir trotzdem auf jeden Fall hilfreich.


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