Vom Thing zur Wiesn

Vom Thing zur Wiesn - Herbstanfang, 12.09.2002

Am 23. September diesen Jahres (2002) um 6 Uhr 56 in der Früh nach mitteleuropäischer Sommerzeit ist es wieder soweit: die Sonne betritt das Tierkreiszeichen Waage. Wir haben Tagundnachtgleiche (Äquinox) / Herbstanfang. Schon in den letzten Wochen wurde es immer deutlicher spürbar, dass die Tage kürzer und die Nächte wieder länger werden. Nun ist der Moment gekommen, da die Sonne genau zwölf Stunden über dem Horizont zu sehen ist. Und von nun an wird es jeden Tag etwas weniger sein – bis zur Wintersonnenwende an Weihnachten.

Der Herbstanfang bildet somit einen der vier kardinalen Punkte im Jahreskreislauf; zusammen mit dem Frühlingsbeginn (die Frühjahrs-Tagundnachtgleiche), und den Solstitien, der Sommer- und der Wintersonnenwende. Ein solch markanter Punkt muß gefeiert werden!

Die Germanen nutzten diesen Moment des Eintritts der Sonne in das Zeichen Waage, den wir gerade erleben, zu einer jährlichen Volksversammlung. Dabeisein war Pflicht – und nicht nur im übertragenen Sinn. Alle freien Männer hatten zu erscheinen, denn es ging um eine wichtige Angelegenheit. Man sprach nur von dem "großen Ding" – und das war auch der Name der Zusammenkunft: "Thing". Für das Thing wurden zum Teil extra Kultstätten gebaut, sogenannte Thingstätten. Nun zum Herbstbeginn fanden dort Gerichtsverfahren statt. Es war die Zeit für ausgleichende Gerechtigkeit – eben die Zeit der Waage.

Zwischen weltlicher und religiöser Gerichtsbarkeit wurde dabei nicht unterschieden. Man hielt vielmehr eine Art "Weltgericht" ab. Auch in Griechenland fand zu dieser Zeit das "Fest des Gesetzes" statt. Der Jahresverlauf gleicht ja einem spirituellen Entwicklungsweg; nach dem Arbeiten und Ernten, nach dem Sammeln von Details und dem vorausschauenden Planen (Jungfrau) folgt der Moment der Prüfung, ob alles miteinander in Einklang steht (Waage). Ungerechtigkeiten, Disharmonien, Schiefstände – jetzt sollten sie geklärt, bereinigt und behoben werden. Dass Deutschland die neue Bundesregierung genau an diesem Übergang wählt, ist bezeichnend. Übrigens wurden in London noch bis in die 60er Jahre des 20ten Jahrhunderts hinein der Bürgermeister als Vertreter des Volkes zur Herbst-Tagundnachtgleiche per Wahl bestimmt.

Gleichzeitig handelt es sich um ein geselliges Zusammensein. Denn nach dem Einbringen der Ernte und vor der großen Kälte kann man nun noch ein wenig ausruhen, die Schönheit der Natur bewundern, beisammen sein, tanzen. Dass gerade jetzt überall so zahlreich Kirchweihfeste gefeiert werden, hängt mit dieser Tradition zusammen. Im Unterschied zu anderen Festivitäten hat es auch einen berauschenden Charakter. Die Pflichten sind ja erledigt, der erste Wein kann probiert und genossen werden.

Das Oktoberfest, die "Wiesn", wie die Münchner selbst es nennen, gehört ebenso zu den Festen der Herbst-Tagundnachtgleiche. Und die findet eben nicht im Oktober, sondern Ende September statt. Daher startet das Oktoberfest auch im September - vom ersten Oktobersonntag zwei Wochen zurück gerechnet.

Von seiner sakralen Bedeutung sind heute in erster Linie Profanisierungen übrig geblieben. Ein Thing hatte stets rituellen Charakter und das Gericht hob begangenes Unrecht zwar nicht auf, löste aber durch Frei- oder Schuldspruch von Anklage und Last. Religiöse und spirituelle Bezüge standen dabei im Vordergrund. An Ritualen mangelt es auch beim Oktoberfest nicht – das beginnt bereits mit dem Eröffnungsritus, dem Faß-Anschlagen und dem berühmten Startspruch o'zapft is. Die Psychologin Brigitte Veiz bezeichnet in ihrer Arbeit "Das Oktoberfest. Massen, Rausch und Ritual" auch die großen Maßkrüge als "Ritual-Gefäße" und weist nach, dass z.B. das Tanzen auf den Tischen, das Mitsingen (Gröhlen?) und Hähnchen essen wie festgelegte Riten vollzogen werden. Dabei zieht sie auch Parallelen zu den dionysischen Festen des antiken Athens und den römischen Bacchanalen und beschreibt das Münchner Oktoberfest letztlich als "bavarisch-dionysisches Fest".

Dass wir ausgelassen sind und fröhlich, die gute Ernte feiern und den bunten Herbst genießen - daran gibt es sicherlich nichts auszusetzen. Ob Sie zu diesem Zweck das Oktoberfest aufsuchen, entscheiden Sie für sich selbst.




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